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  "ROOMMATE" 1
 
     
 
Unbekannt:

Jede Person die sich überlegt in ein Internat zu gehen, wird eine Frage sofort beschäftigen: What about my roommate?
Nachbarn generell sind ja immer so eine Sache- manchmal liebt man sich, manchmal hasst man sich, auf jeden Fall muss man nebeneinander überleben. Das gleiche gilt auch für eine Person, mit der man quasi 10 qm2 teilt: Man kann sie sich nicht aussuchen, man muss aber auf alle Fälle mit ihr auskommen. Oder nicht?
Als ich das erste Mal mein neues Zimmer betrat und meine neue Zimmergenossin traf wurde mir nur ein übelgelauntes „Hello“ entgegen geraunzt. Nicht gerade das, was ich erhofft und irgendwie auch erwartet hatte. Die nächsten zwei Wochen waren mit für mich unüblichem Schweigen gefüllt und im Nachhinein betrachtet haben Shelly und ich in den sechs Monaten unseres Zimmerteilens nicht mehr als 2 Stunden miteinander gesprochen.
War ich am Anfang mehr als schockiert und enttäuscht, habe ich inzwischen die Vorteile dieser Beziehung erkannt. Shelly und ich- wir lieben uns nicht, wir hassen uns nicht, wir interessieren uns nicht wirklich für einander. Und das kann riesige Vorteile haben. Manchmal ist mein Tag so voll gestopft mit Emotionen, dass ich eigentlich ganz froh bin, das Shelly mir nicht auch noch irgendwelche Freudesausbrüche oder Streitereien abverlangt.
Leute, die Zimmer mit ihren besten Freunden bewohnen, haben zwar Spaß aber hin und wieder auch echten Ärger. Shelly und ich haben bei genauerer Betrachtung die Beziehung, die uns am wenigsten Energie abverlangt. Nicht das ich sage, das wäre das allerbeste für mich: Ich liebe es, zu reden, rumzualbern und Personen in meinem nächsten Umkreis besser kennen zu lernen. Mit Shelly hat das nie geklappt- ihre Eltern haben sie aus Korea fortgezerrt und auf ein Internat gezwungen, auf das sie nicht will. Das Leben empfindet sie als Qual und eigentlich würde es ihr reichen, hinter ihrem Laptop fest gekettet mit alten Freunden zu chatten. Das ist natürlich nicht ganz meine Einstellung von einem perfekten Internatsleben, was uns beide noch unterschiedlicher macht.
Was ich aber sagen will ist, dass man jeder Beziehung etwas Positives abgewinnen kann. Manchmal bin ich Shelly für ihre Ruhe einfach nur dankbar (auch wenn mich ihre Teilnahmslosigkeit in anderen Situationen wieder verrückt machen könnte). Aber ich habe ihr einiges zu verdanken: Ich bin vorsichtiger im Umgang mit Lautstärke geworden, kann meine persönlichen Bedürfnisse hinsichtlich Privatsphäre total einschränken und habe gelernt mit Menschen, die sich einfach nicht für mich und meine Gefühle und Gedanken interessieren umzugehen. Das mag hart klingen, aber es ist eine Erfahrung, die mich wesentlich realistischer und sicherer gemacht hat. Jeder Roommate offenbart irgendeine neue Erfahrung- man muss sie nur annehmen und das Beste daraus machen. Und manchmal wird man auch überrascht: Als Shelly und ich uns das letzte Mal für die Ferien getrennt haben, hat sie mich sogar umarmt.

 

 
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