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ERFAHRUNGSBERICHT

Anna Schwendtner (Juni 2005)
Bericht 4 von 4

 

 
 

Jaja, das letzte Mal hab ich Weihnachten geschrieben, wo es einfach nur bibberkalt war und ich das erste Mal erleben durfte, was es heisst, wenn einem die Nasenhaare einfrieren, oder die Haare zu Eiszapfen werden, wenn man es nicht richtig geplant hat und dann noch kurz vor Schulbeginn gehetzt zum Fruehstueck sprintet, mit nassen Haaren, da zu wenig Zeit zum Foehnen…
Jetzt ist es Juni, und Gott sei Dank von Schnee weit und breit nix mehr zu sehen!! Seitdem ist wirklich noch so einiges passiert. Ich kann nur sagen, dass das, was mir alle schon vorausgesagt haben, wirklich eingetroffen ist:
Obwohl das zweite Semester laenger ist wegen all den Ferien, vergeht es doch wie im Flug und ehe man sich umschaut, ist alles auch schon wieder vorbei…Mir ist vor allem aufgefallen, dass ich bei allem lockerer drauf bin. Ich hab mich dann wirklich an alles gewoehnt, und die Schule ist so richtig meine Heimat geworden, ich betrachte das immer so, als meine zwei Welten, eine in Deutschland und eine in Amerika. Ich hatte immer noch sehr lange etwas schwierige Zeiten, wo ich einfach nicht wusste, warum ich eigentlich nicht ganz so gluecklich war, wie ich eigentlich sein sollte, obwohl doch alles in Ordnung war. Und es kam auch noch oft vor, dass ich die Wochen gezaehlt habe. Aber wie gesagt, im zweiten Semester habe ich alles wie eine Wende empfunden. Ich habe sogar gemerkt, wie ich angefangen habe, dieses Landleben mitten in der Pampa zu lieben, was ich mir am Anfang einfach ueberhaupt nicht vorstellen konnte. Jetzt habe ich naemlich die Befuerchtung, dass ich, wenn ich nach Deutschland zurueck komme, alles so klein und zusammengequetscht empfinden werde. Oder, wenn ich in den naechsten Weiher huepfen will, der hier gleich um die Ecke ist, ich in Muenchen erstmal ein Stueckl fahren muss, und dann den See auch gleich mit hunderten anderen Schwimmbegeisterten teilen darf.
Ich bin naemlich immer noch hier in Amerika, will einfach nicht zurueck . Meine Mama fragt schon etwas beunruhigt, was ich eigentlich die ganze Zeit treibe. Aber mir war/ ist es wichtig, dass ich so viel von meinem Amerika Jahr irgendwie mitnehmen kann, wie es geht, weil ich weiss, dass ich so schnell nicht mehr hierher kommen kann. Ich sitze ja auch nicht gerade auf einem Goldhaufen und kann mal schnell rueber in die USA fliegen. Vor allem mit Fuehrerschein und allem. Also hab ich nach Schulende am 6.Juni (ha, waehrend sich alle meine deutschen Freunde noch in der Schule langweilen) erstmal einen Freund von mir in Massachusetts besucht. Zusammen sind wir auf so ein Meditationscamp gegangen. Ich hatte echt keinen Plan was mich da erwartet, aber ich hab’ mir einfach gedacht, ist halt ne neue Erfahrung und ich warte erstmal ab, was da auf mich zukommt.
Naja, wir sind dann auf jeden Fall nach 10 harten Tagen mit von morgens bis abends nur rumhocken und meditieren, erleuchtet und mit heiligem Schein wieder rausstolziert. ( Na ja, zum heiligen Dasein fehlt es bei mir noch ein wenig…)
Jetzt besuche ich gerade Freunde auf Marthas Vineyard, einer kleinen Insel neben Boston und dem Cape Cod.

Ich kann nur sagen, dass der Abschied mich wirklich staerker mitgenommen hat, als ich es erwartet habe. Schliesslich verabschiedet man sich von Leuten, mit denen man ein ganzes Jahr sehr viel Zeit verbracht hat, vor allem an einem Internat, wo man eben wie eine grosse Familie zusammenlebt. Ich bin bei der Graduation noch dageblieben, weil ich mir diese absolut stylischen, viereckigen Huete und alles drum und dran einfach um keinen Preis entgehen lassen wollte, und ausserdem haben viele meiner Freunde ihren Abschluss gemacht. Und Prom natuerlich, der grosse Tanzball bevor alle Seniors in den Sommer starten. Ich hatte Glueck, ich wurde von einem netten Koreaner, dem lieben Jay eingeladen, weil, wenn man ein underclassman ist, also kein Senior, leider sonst nicht teilnehmen kann. Die ganze Koeraner-Gang hat eine weisse Linousine gebucht, und deswegen bin ich dann zum ersten (und wahrscheinlich letzten) Mal in so einem Luxusschlitten rumgetuckert. Alle haben sich natuerlich ordentlich aufgebrezelt. Ich kam mir vor, wie auf einer Jahrhundertmodenshow. Ueberall blinkt und glitzert es von den Ballkleidern oder aehnlichen Gewaendern, fuer die so manchnes Maedl auch gerne 500 Dollar hinblaettert. (Ich hab meins von einer Freundin ausgeliehen und meine weissen hochhakigen Sandalen fuer 1.50 $ auf dem Flohmarkt ersteigert…)
Nach dem Abschluss mussten wir uns dann alle verabschieden und meine Freundinnen und ich haben so richtig wie die Schlosshunde geheult. Ich haette echt nicht erwartet, dass Weinen so anstrengend sein kann. Danach mussten wir naemlich erstmal ein kleines Nickerchen machen, weil wir so geschafft waren!
Auf jeden Fall kann ich es gar nicht fassen, dass dieses ganze Schuljahr jetzt einfach so vorbei ist. Dieses Amerika Jahr war immer so ein grosses Projekt, Seit 2Jahren schon, und jetzt ist es einfach so vorbei?? Aber eigentlich stimmt das auch nicht, schliesslich gehen alle Kontakte so weit es geht weiter, und manche werde ich vielleicht zur “Wiesen” oder fuer nicht Bayern: zum Oktoberfest wieder sehen. Da habe ich naemlich so manche eingeladen, von denen wissen meine Eltern leider noch nix und da werden sie sich wundern, wenn dann ploetzlich eine ganze Mannschaft vor der Haustuer puenktlich zum Oktoberfest steht…
Auch diese ganzen Erfahrungen, die sich gemacht habe, sind so unglaublich wertvoll fuer mich, nur daran zu denken macht mich total gluecklich. Zum Beispiel bin ich mit einem Freund von mir, dem Coco, den ich eben ueber die Weihnachtsferien kennengelernt habe, nach Culebra geflogen, das ist eine kleine Insel neben Puerto Rico. Abgesehen davon, dass wir auf unserem weg zur Faehre ungelogen 6 McDonalds und genauso viele Burger Kings gezaehlt haben, war es wunderschoen. Ich war vorher noch nie in der Karibik gewesen. Und die weissen Palmenstraende, auf dem Strand uebernachten - und das alles ohne Eltern - werde ich nie vergessen. In der Springbreak bin ich dann noch einmal mit Ihm nach San Francisco geflogen. Da haben wir Freunde von seiner Mama, ein total witziges lesbisches Paar, besucht und sind dann auf dem Highway 1 die Kueste runter zu Big Sur, das ist sowas aehnliches wie ein National Park, so richtig schoen, wie ein Kreuzung aus Neuseeland und Schottland. Wenn ich alles schreiben koennte, was ich noch gerne erzaehlen wuerde, koennte ich wo moeglich einen Schwaecheanfall erleiden und vor dem Computer zusammenbrechen, also lass ich es lieber . Aber ich bin sehr froh, das ich noch laenger hier geblieben bin, und nicht gleich nach Schulende Heim bin, weil das glaube ich, fuer mich ein zu grosser Schock waere, einfach von meiner einen Welt in die andere zu rumpeln um festzustellen, dass sich nicht besonders viel veraendert hat, nur ich in meinem Kopf um unzaehlige Erfahrungen reicher bin. Aber das werde ich alles sehen, wenn es soweit ist. Ich denke, dass dieses Jahr mich sicher veraendert hat, diese wunderbare Freundlichkeit, die ich besonders in dieser Zeit erlebt habe, kommt mir als was sehr Besonders vor, was ich daheim vermisse und ich auf jeden Fall weitergeben will. Natuerlich gibt es gute und schlechte Seiten, aber nach einer Zeit habe ich einfach das Vergleichen aufgehoert, schliesslich bin ich da, um in etwas total Neues zu springen, und da muss man sich einfach mal auf was anders einlassen. (auch wenn ich sagen muss, dass ich das deutsche Brot einfach wirklich sehr vermisse !!!)
Ich hatte aber, wie gesagt, auch schwierige Zeiten, was ich ja auch ehrlich und ausgiebig geschrieben habe. Vielleicht ist es fuer Manchen anders, aber es war nicht gleich paradiesisch am Anfang. Einfach ins kalte Wasser zu springen und was total Neues zu machen, ist nicht einfach. Das will ich nur allen sagen, die das Gleiche wie ich machen. Also denkt nicht, wenn es Euch mal nicht gut geht, dass ihr die Einzigen seid!! Aber all die schoenen Momente, Freundschaften und Erlebnisse ueberdecken das alles, sodass ich jetzt gerade nur noch mit einem guten Nachgeschmack ueber alles nachdenke. Auch diese Herausforderung, schwierige Situationen zu ueberwinden, hat mich zuversichtlicher gemacht, so das ich weiss, wenn es mal wieder so kommt, dass es eben eine Weile braucht, bis man sich an alles gewoehnt und sich auch alles irgendwann aendert.
Ich kann nur sagen, dass es einfach das Beste war, was ich machen konnte. So was ist einfach unglaublich viel wert, und ich kann es nur allen weiterempfehlen, die es sich gerade ueberlegen! So eine Chance bekommt man nicht so schnell wieder, und die Kontakte und alles, was man erlebt, ist so gut wie unbezahlbar!
Also, ihr habt es geschafft, euch durch diesen Monsterbericht durchzuarbeiten! Ich wuensche auf jeden Fall allen viel Glueck, die sich ueberwinden so einen Schritt zu wagen (das ist schon mal der erste gute Anfang!!) und ich find es klasse, dass ihr das macht. Es wird eine der besten Zeiten eures Lebens sein!
Alles Liebe,
Anna

Falls ihr Fragen oder jemanden zum ratschen braucht, koennt ihr mir auf jeden Fall schreiben, ich faende es auch schoen zu hoeren, wie es euch geht wenn ihr drueben seid:

 

 
 

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