Zum Abschluss bitte lächeln. Kein Problem!
Der erste Abschluss ist geschafft. Nachdem ich tapfer ein weiteres Jahr hinter den blauen Bergen im süd(staat)lichen Lynchburg, Virginia, verbracht habe, beendete ich am Sonntag, den 27. Mai 2007, offiziell meine „high school“ - Laufbahn. Die so genannte „graduation“ erhält einen besonderen Stellenwert im Bewusstsein des amerikanischen Teenagers: Selbst nach nur acht Jahren Schule wird beim Abschluss der „middle school“ schon einmal mit einer ähnlichen Veranstaltung im kleineren Rahmen die Vorfreude angeregt. Zahlenfreunde beginnen zeitgleich mit ersten Statistiken, wie viel Wochen, Tage, Schultage etc. der Abschlussfeier noch im Wege stehen.
Nun war es endlich so weit. Die Generalprobe verlief zufrieden stellend: Wo setzt man sich hin? Wann steht man auf? Wie schüttelt man dem Direktor die Hand? In welche Richtung wird gelächelt? Mr. Sjolund sorgte sich besonders um die korrekte Aussprache der Namen, welche er der Reihe nach per Mikrofon ansagen würde. Auch Lehrer machen Fehler: Nienburg kennt man in Amerika nicht. "Neinburg" würde am Sonntag als mein Heimatort verkündet werden. Zu Beginn des Schuljahres hatte ich gehofft, die klischeehafte schwarze Robe tragen zu dürfen und den quadratischen Hut in die Luft zu werfen. Dies war nicht der Fall. Stattdessen präsentierten sich etwa dreißig „senior girls“ in weißen Kleidern, weißen Schuhen und wohl gebräuntem Teint (das Sonnenstudio muss enorm profitiert haben), die Herren ein wenig blasser in navy-blauen Blazern, khakifarbenen Hosen, schwarzen Schuhen, weißen Hemden und obligatorischer Schulkrawatte. Freundlicherweise bereitgestellte Wasserflaschen unter den Stühlen sowie reflektierende Sonnenbrillen gehörten ebenso zur Notfallausstattung. Beide waren absolut vonnöten (30 Grad plus x im Schatten, Zeremonie draußen, zehn bis zwölf Uhr, zwei Stunden sitzen).
Die Sonnenbrillen sollten weiterhin meine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Würde man sie wenigstens für den zehn Meter langen Marsch von der Empore zum freundlich wartenden „headmaster“ absetzen? Wäre es unhöflich, dies nicht zu tun? Glücklicherweise beginnt mein Nachname nicht mit „A“, so dass mir ein wenig Zeit zum Beobachten meiner Mitschüler blieb. Ohne Brille nahm ich sowohl das aufgerollte, mit roter Schleife versehene Abschlusszertifikat als auch zwei Preise entgegen, die mir aufgrund besonderer Leistungen in den Fächern Mathematik und Französich (Unter den Blinden ist der Einäugige König.) verliehen wurden. Anerkennung, Prestige (Show?) sowie manchmal überschwängliches Lob scheinen fest verwurzelte Bestandteile der amerikanischen Kultur zu sein. Während einige Auszeichnungen durchaus sinnvoll erscheinen (besonderes soziales Engagement, Leitung Schülerzeitung, Sportler) wirken andere leicht grotesk („democratic spirit“, „Geometry prize“, „headmaster award“, „best person of the class“ – erster Schritt zum „Man of the Year“). Wie in Deutschland wird auch in Amerika die Person mit dem besten Notendurchschnitt ausgezeichnet: der „valedictorian“.
Nachdem diese ihre Rede patriotischer als erwartet gehalten hatte, die berühmten Zigarren aufgeglommen, die Diplome fürs Foto in die Luft geworfen, und hungrige Absolventen samt Familie am Buffet verköstigt waren (französische Minicroissants, Schinken, Obstplatte, Thunfischsalat), wurde es Zeit für mich, sämtliches Gepäck in zwei Koffer und eine blaue Reisetasche zu legen, stapeln, drücken, quetschen, und pressen. Mein Flieger am nächsten Tag war für elf Uhr eingeplant. Die ohnehin traurige Stimmung nach dem Abschied von meinen Freunden wurde durch einen „gecancelten“ Flug von Lynchburg nach Charlotte nicht gemildert. Drei Stunden Warten auf die nächste Maschine, Hetzen in Charlotte - gutmütige Angestellte verhalfen mir letztendlich dazu, den transatlantischen Jumbojet Richtung Frankfurt nicht zu verpassen.
Bevor ich im Flugzeug einnickte, blickte ich froh und zufrieden auf die zwei Jahre an der Virginia Episcopal School zurück: Über das Verhältnis zu den Amerikanern hatte ich bereits im Voraus einiges an Warnungen und Schreckensvisionen gehört. In der Tat führten ernstere Gesprächsthemen wie der Krieg im Irak oder die Kompetenz des amerikanischen Präsidenten zu Meinungsverschiedenheiten, die aber durch gemeinsame Sympathien für Dirk Nowitzki und amerikanische Musik wieder ausgeglichen wurden. Insgesamt fühlte ich mich mit all den anderen Jugendlichen immer sehr wohl, so dass Heimweh fast gar nicht auftrat.
Besonders gut gefallen hatte mir vor allem die lockere Atmosphäre unter jungen Leuten aus aller Welt (von Australien über Hongkong bis nach Finnland), die oft Gruppen bildeten, um Hausaufgaben „multilingual“ zu lösen. Zudem waren die unzähligen neuen Eindrücke - vom Camping in West Virginia bis zur Freiheitsstatue in New York – hilfreich, andere Perspektiven zu verstehen und vieles zum Erzählen für Verwandte und Freunde in Vorrat zu haben.
Insgesamt empfehle ich einen Auslandsaufenthalt (wer würde das nicht?). Ein wichtiger Tipp zum Schluss: Die Aussprache sollte möglichst früh auf amerikanisch umgestellt werden, denn britisches Englisch wirkt besonders in den Südstaaten leicht befremdlich.