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ERFAHRUNGSBERICHT
Sara Maatz (Juni 2010)
Bericht 6 von 6
9 Monate, der tägliche Wunsch einfach nur wieder nach Hause zu fliegen und viel viel Arbeit: Vorbei!
Es ist jetzt Donnerstag, der 10. Juni und in zwei Tagen sitze ich im Flieger, der mich zurück in mein altes Leben bringen wird.
Bis gestern hatte ich exams und die Ringe unter den Augen sind noch immer deutlich zu sehen. 5 exams in zweieinhalb Tagen; da war ziemlich viel Energie gefragt. Und trotz all meiner Zweifel habe ich alles gemeistert. Natürlich weiß ich die Ergebnisse noch nicht, aber ich bin mit mir zufrieden. Ich war so gut vorbereitet, dass nichts in den Tests eine Überraschung war, und selbst Mathe, das damals mir so verhasste Fach, lief gut. Nach dem letzten exam haben wir nur noch jubelnd die Schulräume verlassen. Doch leise dachte ich mir auch: nie wieder Westtown, nie wieder von Klasse zu Klasse hetzen und hoffen, dass man nicht zu spät kommt, nie wieder collection in diesem Raum und nie wieder stolze Kommentare der Lehrer. Ich fühlte mich leer. Sehr, sehr verloren. 9 Monate hatte ich auf diesen Moment gewartet und die Tage gezählt. Es klingt vielleicht alles ein bisschen zu kitschig, aber das ist es nicht.
Ich liege jetzt auf meinem Bett, die gepackten Koffer stehen an der Tür und die leeren Wände schreien nach all den Fotos, die 9 Monate hier zuhause waren. Ich fühle mich falsch, weil kein Biobuch neben mir liegt und mein Taschenrechner irgendwo unter T-Shirts im Koffer liegt. Zum ersten Mal habe ich wieder völlige Freiheit und keinen festen Plan, an den ich mich halten muss. Doch verrückterweise wünsche ich mir jetzt nichts lieber zurück, als eine geregelte Schulwoche hier in Westtown. Ich habe wahrscheinlich viel zu spät damit angefangen, das Jahr hier zu genießen und dankbar für die Möglichkeiten zu sein, die mir in Westtown geboten wurden. Ich habe aber auch kein schlechtes Gewissen wegen meiner Gefühle und anfänglicher Unsicherheit, denn all das zusammen war die Erfahrung, die ich als Auslandsjahr betrachte. Es ging mir nicht nur um die Schulnoten, sondern auch um die Wahrheit, die man über sich selber herausfindet.
Für mich ging es auch viel um meine Musik. Wie ich schon eher erwähnt habe, hatte ich bei Ricardo Morales, dem Soloklarinettisten des Philadelphia Symphony Orchestra Unterricht. Er hat mir nicht nur gezeigt, wie ich Klarinette spiele, sondern auch viele lebensphilosophische Dinge. Allein der Aufwand, zum Unterricht zu kommen, hat mich so viel gelehrt. Vielleicht seht ihr jetzt, was ich sagen möchte; alles zusammen, das Heimweh und die Trauer, die Erfolge und Fehler, die Freude und die Freundschaften, all das ist es, woraus man nach einem Jahr gelernt hat.
Ich glaube, es braucht ein Jahr, um all dies zu erleben und irgendwo anzukommen. Dann fängt man damit an, sich von dem zu befreien, was man mit sich herumträgt. Ich bin befreit von der Abhängigkeit dessen, was ich 16 Jahre als meine Heimat betrachtet habe. Ich bin offen für Neues und stehe mit einem Fuß in einem völlig neuen Leben. Doch jetzt verlasse ich es wieder und es tut mir fast so weh wie der Abschied vor 9 Monaten, als ich hier hin kam. Aber vielleicht muss ich es so sehen, dass ich das, von dem ich mich vor 9 Monaten verabschiedet habe, jetzt wieder finden werde und wer weiß, vielleicht werde ich in der Zukunft hier studieren und diesen Ort wieder finden, wie am Samstag mein Zuhause in Deutschland. Denn wie Westtown sagt: Selbst Austauschschüler für ein Jahr werden immer zur Westtown community gehören und als Alumni nie vergessen werden!
Ich glaube nun, dass ich im Nachhinein den ersten Satz etwas ändern muss: 9 Monate, viele, viele Erfahrungen und viele Erfolge: All das werde ich nie vergessen! Es ist jetzt Donnerstag, der 10. Juni und in zwei Tagen sitze ich im Flieger, der mich zurück in mein neues, von diesem Jahr geprägtes Leben bringen wird.
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