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Halbzeit! Fast vier Monate ist es her, dass ich ins Flugzeug nach Frankfurt, nach Chicago und dann nach Birmingham, Alabama gestiegen bin. Mittlerweile ist zwar noch immer jeder Tag ein Abenteuer, aber schon auf eine ganz andere Weise. Ich hab gar keine Ahnung, wo ich da anfangen könnte.
Ich war das erste Mal in einem „großen“ Wal-Mart, hatte meine erste Halloween-Party bei einer Freundin, das erste Mal Trick-or-Treat, Thanksgiving, D-Day, Habitat for Humanity, hab Freunde gefunden, und mitten in der Woche Nächte durchgemacht…um zu lernen.
Bis sich „Schule“ irgendwie auch wie Schule angefühlt hat, hat es schon ein paar Wochen gedauert oder vielleicht haben wir auch einfach vergessen, wie Schule zu Hause ist. Hier sitzen wir gemütlich im Kreis oder schieben die Tische einfach so zusammen wie es uns gerade gefällt, haben tiefschürfende Diskussionen über Kafka und Freud oder den neusten James Bond und warum unsere Schule wahrscheinlich die einzige in Amerika ist, die kein eigenes Football-Team hat. Fast alle zwei Wochen haben wir „juniors“ (Elftklässler) college counseling meetings und jeden Montagmorgen findet sich die ganze Schule zusammen und die großen Events der kommenden Woche werden angekündigt.
Vor ein paar Wochen hat jeder an unserer Schule – egal in welcher Klasse und ob Lehrer oder Schüler – das Gemeinschaftsgefühl, dass einfach einzigartig ist, zu spüren bekommen. Bis dahin hab ich mich zwar schon als Mitglied dieser Schule gefühlt, aber irgendwie fand ich mich selbst noch wie der Neuling, der eben dann doch noch nicht ganz dazugehört.
Ein an Krebs leidender Schüler war gestorben. Anders als ich es bisher an meiner recht großen deutschen Schule erlebt habe, gibt es hier nicht einfach nur eine Gedenkminute und dann wird für die meisten mit dem Schulalltag weitergemacht. Am Tag nach dem Tod des Jungen hat jeder Lehrer – ob er oder sie ihn selbst kannte oder nicht – etwas in seinem Unterricht gesagt zu dem, was geschehen war, seine Freunde haben zusammen getrauert und der Chor – und damit bei uns die halbe Schule – hat im Andenken an ihn etwas gesungen, was für mich eigentlich der Moment war, in dem ich erkannt hatte, dass wir alle um ihn trauerten, weil ein Mitglied aus unserer Gemeinschaft fort war.
Lange blieb die Stimmung an der Schule aber nicht so dunkel. Eine Woche später hatten seine besten Freunde einen neuen Club gegründet: einen, der in seinem Namen Spenden sammelt und diese an die Krebsforschung gibt und Bäume in den Tropen und in Israel allein in seinem Andenken pflanzt.
In derselben Woche kam dann auch schon mein erstes amerikanisches Halloween, welches in diesem Jahr gleichzeitig mit D-Day war. Am D-Day-Teil des Tages war ein Congressman eingeladen worden – und an meiner Schule war das glücklicherweise ein Demokrat, weil gerade ein paar Tage vor der großen „Election“ ein Republikaner bei uns recht unwillkommen gewesen wäre – und der hat dann einen kleinen Vortrag gehalten. Dieser war überraschenderweise nur zur Hälfte eine Wählt-Obama-Rede und zur andere Hälfte redete er darüber, wie wichtig es ist, dass alle, die die Chance dazu haben, wählen gehen und, warum wir uns gerade bei Politik unsere eigene Meinung auf eigene Faust bilden sollten. Anschließend hat sich die gesamte Schule in kleine Gruppen verteilt, die für ein paar Stunden: die neue Student Lounge gestrichen haben; die Stallungen der Pferde gesäubert haben, die in einem Schulprogramm auf unserem Campus mit behinderten Menschen arbeiten; die Schulbusse gewaschen haben (und dabei anscheinend mehr Wasser für einander als für die Busse verwendet haben).
Am Abend dann kam endlich das lang ersehnte Halloween. Drei Wochen zuvor gestand ich einer Freundin, dass ich noch kein Kostüm hatte – was die meisten, wie ich dann erfuhr, schon seit den Sommerferien geplant hatten – und prompt wurden mir von allen Seiten Kostüme vom letzten Jahr angeboten und zum Schluss trug ich ein neues 60ger Jahre Vintage-Kleid von der Freundin, die sich damit auch verpflichtet fühlte mir ein zeitgerechtes Make-up und Frisur zu verpassen. Vorher hatte ich zwar schon in Filmen gesehen, wie Detail-versessen manche Amerikaner an Halloween sind, hatte mir aber nicht gedacht, dass ich mich selbst kaum noch wiedererkennen könnte. Also: Plant besser schon ein paar Wochen vor Halloween ein passendes Kostüm – und stellt sicher, dass niemand sonst dasselbe hat, denn darüber hat es hier teilweise ganz schöne Zickenkriege gegeben – falls ihr nicht so viel Glück habt wie ich es hatte.
Zwischen Halloween und Thanksgiving gab es dann eigentlich nur eine Sache, über die ich was erzählen könnte: Mein Vater kam für einen Abend zu Besuch. Weil mein Vater und unser Dean of Residential Life sich schon an dem Wochenende, an dem ich einzog, ziemlich gut verstanden hatten, war er so nett, mich für dieses eine Mal von Study Hall zu befreien. Mein Vater hatte nur ein paar Stunden Zeit bis zu seinem nächsten Flug und eigentlich hatte er geplant mit mir Essen zu gehen und dann sollte ich ihm in Ruhe über mein neues Leben hier erzählen. Aus diesen Plänen wurde dann nichts. Ich hatte beim Machen meiner Pläne für den Abend gar nicht realisiert, wie viele Leute, die mir mittlerweile richtig ans Herz gewachsen waren, ich ihm vorstellen wollte. Zum Schluss hatte ich ihn anderthalb Stunden über den Campus geschleift, um ihn all meinen Freunden und meinen Lieblingslehrern (was eigentlich gleich steht für so gut wie alle Lehrer, die ich mit Namen kenne) vorzustellen. Letztendlich verließen wir nicht einmal das Schulgelände und in rasendem Tempo erzählte ich ihm von all den Sachen, die mich bisher begeistert hatten: wie meine AP Biology Lehrerin mir den Stoff über organische Chemie in zwei Wochen erklärte, den ich das gesamte letzte Jahr schon in Chemie nie hatte verstehen können; wie sie eines Tages mit einem komischen Gesichtsausdruck in die Klasse kam, weil ihr Hund die Hausaufgaben eines ihrer Schüler angefressen hatte; dass ein paar meiner Lehrer andauernd Kaugummi im Unterricht kauen; dass mein Geschichtslehrer seinen Job hier besser findet als an der University of Stanford (und als die anderen ungefähr 30 Jobs, die er schon hatte, wie Pizzabäcker, Schornsteinfeger, Elektriker, Direktor einer mexikanischen Schule, Klempner…); dass wir einen Geschichtslehrer haben, der schon seit Gründung der Schule (1952) unterrichtet; wie mein Lateinlehrer einfach nur von allen Uncle Johnny genannt wird ; oder wie die vielen Eichhörnchen, die bei uns überall auf dem Gelände rumspielen, immer eine gute Ablenkung von langweiligen Mathestunden sind.
Letzte Woche kam dann Thanksgiving. Die anderen Austauschschüler haben mir von Gänsejagden und Familiendisastern erzählt, während ich bei der Familie meiner Freundin mal ein paar Tage Ruhe gefunden habe. Wir haben uns Schwarz-Weiß-Weihnachstfilme angeguckt und gleich, wie es hier Tradition zu sein scheint, am Wochenende nach dem großen Essen den Weihnachtsbaum geschmückt.
Diese Mal ist mein Bericht ein bisschen länger ausgefallen, obwohl ich eigentlich beim drüber Nachdenken wahrscheinlich schon ein ganzes Buch schreiben könnte. Eine Alltagsroutine hab ich noch immer nicht, finde das aber mittlerweile ziemlich gut, denn es beweist nur noch einmal, dass hier jeder Tag wirklich etwas Neues bringt. In meinem nächsten Bericht werde ich dann mein erstes Semester hinter mich gebracht haben und vielleicht zeigt sich dann auch ein wenig von dem Heimweh, dass gegen Thanksgiving nach Erzählungen hätte einsetzen sollen. Bis dahin kümmere ich mich jetzt erst einmal darum, ein gutes Zeugnis für mein erstes Semester abliefern zu können, und möglicherweise noch ein weiteres Jahr hier verbringen zu dürfen.
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